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David gegen Goliath in Mali

„Sie sind Massenvernichtungswaffen, diese Heuschrecken. Und ich bin General, ich weiß, wovon ich rede“ sagt Malis Präsident Amadou Toumani Touré in seiner Ansprache zum Nationalfeiertag am 22. September 2004. Dieses Jahr ist alles anders: Keine stolzen Umzüge, Militärparaden und Feierlichkeiten in der Hauptstadt Bamako. Alles abgesagt, Touré ist in die am stärksten betroffene Krisenregion gefahren, nach Kidal im Norden des Landes, um die dortige Bevölkerung – zumindest moralisch – zu unterstützen. Er teile ihr Leid, versucht er sie zu trösten, und lanciert einen dringenden Appell an die internationale Gemeinschaft: „Wir können nicht warten, bis alles zerstört ist – helft uns jetzt!“

Das Faxgerät läuft heiß, zig Emails trudeln ein, Handys und Festnetztelefone klingen laufend, Journalisten gehen ein und aus – geschäftiges Treiben im PCO (Poste de Commandement Opérationnel – Kommandoposten gegen die Heuschrecken) in Bamako. „Jawohl, „Kommandoposten“, denn es ist Krieg“ sagt Yaya Diarra, einer der Verantwortlichen hier in der Zentralstelle. Sie hängt zwar vom Landwirtschaftsministerium ab, aber insgesamt sind zehn Ministerien involviert, deren Budgets alle in den Heuschreckenvernichtungskampf eingebracht worden sind. Man trifft sich zweimal in der Woche, um die Lage zu besprechen. In Bamakos PCO treffen täglich aus den Regionalstellen Faxberichte ein, Aktionen werden besprochen und koordiniert, und dann wird gehandelt. 1500 Dorfbrigaden sind am Werk, 600 Landwirtschaftsstudenten arbeiten freiwillig dabei mit.

„N’Doha gomé“ heißt nicht „Guten Tag“

Ankunft in Arhabou, einem Dorf 15 km südöstlich von Gao, eine Region, die zu den Speisekammern des Landes zählt: Anfangs bemerkt man die Plagegeister gar nicht, die Gegend ist trocken, gelblich, von weitem sehen die Tiere aus wie Goldregen. Erst beim Näherkommen erkennt man die verheerenden Heuschrecken, die einfach überall sind, auf den Feldern, auf dem Boden tritt man auf sie, sie kleben an Bäumen, Kleidung und Häuseraußen- und Innenwänden, fressen die Vorhänge an den Eingangstüren weg und die T-Shirts der schlafenden Kinder in der Nacht – und auch die Moskitonetze, so dass die Malariafälle extrem gestiegen sind. 200.000 ha sind hier befallen, zum zweiten Mal bereits in diesem Sommer. Hier leben Kleinbauern, viele haben nur ganz winzige Ackerflächen, auf denen sie Hirse anbauen.

„N’Doha gomé“! rufen die Menschen, wenn man in die Dörfer kommt. Für den an Afrikas gastfreundliche Menschen gewöhnten Ankömmling klingt es wie ein herzliches „Guten Tag, willkommen“, aber es ist ein Hilferuf, erklärt uns der Dolmetscher: “Die Heuschrecken sind da!“ bedeutet es auf Soraï, der Sprache der Region.

Die Dorfbewohner sind alle mobilisiert, bekämpfen die gefräßigen Schädlinge bereits in aller Herrgottsfrühe, denn es sind Kaltblütler, die sich erst fortbewegen können, wenn die Sonne sie erwärmt hat. Die Kinder machen Feuer draußen und in den Hütten, um die Larven zu vertreiben, graben Löcher und ersticken sie darin, wenn sie im Wasser sind, folgen sie ihnen und versuchen dort, sie zu erschlagen. „Unsere Kinder kämpfen so tapfer mit“, seufzt eine Mutter, „trotzdem werden sie bald nichts mehr zu essen haben!“. Laut Unicef sind bereits ein Viertel der Kinder unterernährt. „Wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen, “sagt ihr Mann, „Wir sind Bauern. Wenn ein Bauer seine Felder verliert, dann ist alles vorbei“.

Unendlicher Kreislauf

Was wird hier vor Ort durch die Regierung getan? Man verfügt über 12 Geländewagen mit integrierten Sprühanlagen, die pro Tag auf 150 ha Pestizide verteilen können. 50.000 ha müssten eigentlich sofort bearbeitet werden, was aber mangels Infrastruktur nicht möglich ist. Flugzeuge schaffen 1600 ha pro Tag, aber die sind Mangelware: Anfangs standen dem gesamten Land nur ein einziges Flugzeug und ein Hubschrauber zur Verfügung, erst jetzt, Ende September, kam Verstärkung aus dem Ausland, aber alle zugesagten sind noch lange nicht eingetroffen. Darüber hinaus ist die Bekämpfung per Flugzeug sehr teuer: Eine Sprühstunde kostet lt. Angaben der Welternährungsorganisation FAO 1.000 Dollar, und täglich sind mehrere Stunden erforderlich.
Ein Liter Pestizide pro ha wird auf die Larven gesprüht, wobei diese allerdings mit üblichen Insektenlarven nichts gemein haben. Sie sind fast so groß wie die Ausgewachsenen, die „Beflügelten“, wie man sie hier nennt, und durchqueren zunächst flügellos in Riesenscharen das Land. 200.000 Stück pro ha sind keine Seltenheit. Der größte Schwarm, der jemals gesichtet wurde, betrug 15 Quadratkilometer, 15 Millionen Tiere hatten sich hier versammelt. Anfangs wurde gegen sie ein stärkeres Mittel eingesetzt, das jedoch leider auf seine Weise ebenso zerstörerisch war wie die tierischen Schädlinge. Es löste sogar Leitungsrohre auf und wurde daher wegen der ökologischen Folgeschäden durch ein anderes ersetzt, das allerdings nach zwei bis drei Tagen wirkungslos wird. Im Klartext bedeutet dies, dass aus der Erde ein paar Tage nach der Sprühaktion wieder neue Larven hochkommen. Diese fressen sich dann groß und stark (und alles um sich herum kahl), bis sie Flügel haben, fliegen dann davon in ein anderes Gebiet und kommen nach ca. zwei Wochen zurück in die Nähe des Flusses, um zu brüten, und der Horrorkreislauf beginnt von neuem.

„Eigentlich nützen die ganzen Aktionen fast nichts, da nicht genug Pestizide zur Verfügung stehen, aber es beruhigt die Bevölkerung“, sagt uns jemand im Vertrauen. Ministerin Aminata Soumaré, Malis Ex-Botschafterin in Berlin, sorgt sich besonders um die ökologischen Folgeschäden: „Am besten lassen wir sie einfach den Rest auch noch auffressen, anstatt noch mehr Böden für mehrere Jahre zu verderben. Wenn danach Nahrungsmittelhilfe und Saatgut zur Verfügung stehen, bekommen wir die Sache vielleicht schneller wieder in den Griff“, meint sie. Schon jetzt besteht eine Gefahr für Mensch und Tier, denn die Pestizide gelangen ins Trinkwasser.

Im Sprüheinsatz sind auch Rentner wie Tamadé Diallo, ein Spezialist, der schon seit über 40 Jahren gegen diese Plage ankämpft. „Heuschrecken hat es schon immer gegeben, aber noch nie war es schlimm wie dieses Jahr“, bezeugt Tamadé. „Und das Unerträglichste ist, dass nichts sie aufhalten kann, sie bewegen sich immer weiter in eine Richtung, unbeirrt, folgen dem Wind, durchqueren sogar die Flüsse und fressen die Reiskulturen weg“.

„Bitte, Gott und alle anderen, helft uns“ fleht ein Mann, der entsetzt mitten in seinem kahl gefressenen Reisfeld steht. Im Oktober ist Reisernte in Mali, aber wer kann von Ernte sprechen? „Was uns geblieben ist, reicht für ein einziges Abendessen für meine Familie“, erklärt er. „Und unser Vieh stirbt, weil es nichts mehr zu fressen hat, und das ist der Anfang vom Ende“, fügt er hinzu. In den Dörfern findet man auch kaum noch Vieh, lediglich ein paar magere Ziegen laufen herum, jeder, der Rinder hatte, hat sie bereits nach Burkina Faso getrieben, wo sie in Sicherheit überleben können – eine Art Sparbuch für die Leid geplagten Bauern Malis.

In der Region Gao sind schon 40% der Anbau- und Weideflächen vernichtet. Seit Juni sind dort über 40 Heuschreckenschwärme eingefallen, täglich fallen ihnen 300 Tonnen Getreide zum Opfer. Hätte man früh genug reagieren können im Juni, hätten 9 Mio. Dollar ausgereicht, um die Katastrophe zu vermeiden, jetzt braucht man 100 Mio. „Die FAO hat früh genug gewarnt, aber die Geldgeber wollen immer erst die Katastrophe sehen, bevor sie helfen“, beklagt Diarra. Größere Beträge sind zwar mittlerweile zugesagt, aber da alles über die FAO läuft, führt dies zu enormen Verzögerungen, mit katastrophalen Folgen. „Die Mühlen der Verwaltung mahlen zu langsam“, sagt Premierminister Ousmane Issoufi Maïga, „und die Heuschrecken warten nicht“.

Präsident Touré: „Es geht um unser Überleben!“

Eine Frau mit ihrem Sohn kommt auf uns zu: „Sehen Sie, die Ungeheuer haben uns alles weg gefressen, wenn sie einmal in einem Feld sind, ist es verloren. „Feld“ ist in ihrem Fall zuviel gesagt: Sie hat nur ein kleines Stück Land von ca. 20 m2, auf dem sie Hirse und Bohnen anbaute – nur noch ein paar dürre, nackte Stängel ragen hier in den Himmel. „Wir haben alle gekämpft gegen die Plage, Frauen, Männer, Kinder, wir können nicht mehr! Die Regierung muss uns helfen, aber wann wird das sein?“ klagt sie. Ihr ca. 12- jähriger Sohn fügt schluchzend hinzu: „Ich kann nur noch weinen, es macht mich total fertig, was ich hier sehe. Ich habe soviel auf dem Feld mitgearbeitet, und nun ist alles hin“.

„Das Furchtbare ist, dass die Tiere überall sind“, stöhnt eine andere Bäuerin. „Wir kommen nicht gegen sie an. Wenn sie z.B. an den Häuserwänden entlang krabbeln, schlagen wir sie mit Stöcken herunter. Kaum liegen sie am Boden, kriechen sie uns gleich in die Kleider. Wir können nur noch warten auf Gott“, meint sie.

Und immer wieder hören wir den gleichen Satz: „Wenn nichts geschieht, wenn keine Hilfe kommt, werden wir verhungern oder von hier weggehen müssen“ – aber wohin? Im Grunde wissen sie alle, dass sie ohne Hilfe nicht überleben werden, ganz gleich, wo sie sich befinden. Für den Notfall verfügt das Land über ganze 35.000 Tonnen Getreidereserven, ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Mali und seine Bevölkerung in einem aufreibenden Kampf. Gegen die Heuschreckenplage ist er schon fast verloren, es kann nur noch Schlimmeres verhindert werden. Präsident Touré gegenüber AFRICA Live: „Das ganze Land ist äußerst besorgt, denn diese Heuschreckenplage hat enorme Konsequenzen, für die Umwelt, für das Vieh und die Menschen. Mit ansehen zu müssen, wie Bauern, die mehrere Monate gearbeitet haben und dann innerhalb von Stunden vor dem Nichts stehen, das Damoklesschwert der drohenden Nahrungsmittelknappheit – all das stürzt das ganze Land in eine tiefe Niedergeschlagenheit. Wir müssen den Kampf gegen diese Massenvernichtungswaffen gewinnen – es geht um unser Überleben!“

Ein David gegen Goliath-Kampf. In der Bibel gewann David – und wir alle sollten helfen, damit trotz des Goliathsieges der Heuschrecken Malis Bevölkerung, die so viel verloren hat, wenigstens nicht verhungern wird.

HELFEN SIE !





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