
Der deutsche Schienenfernverkehr steht vor einem bedeutenden Wettbewerbsschub. Am 17. Juli 2026 entschied die Bundesnetzagentur endgültig über die Markteintrittsbedingungen für Wettbewerber der DB Fernverkehr: Auf stark ausgelasteten Strecken dürfen künftig höchstens 60 bis 75 Prozent der Kapazitäten an ein einzelnes Unternehmen vergeben werden. Die Regelung soll im Netzfahrplan 2028 wirksam werden.
Bereits konkretisieren neue Anbieter ihre Markteintrittspläne: Der italienische Bahnanbieter Italo plant, ab Mitte 2028 mit 26 neuen Hochgeschwindigkeitszügen und täglich 50 Verbindungen auf zwei Korridoren in Deutschland zu starten. Auch FlixTrain hat umfassende Wachstumspläne angekündigt – das Unternehmen will sein Angebot bis 2028 verdoppeln und anschließend mit 65 neu bestellten Hochgeschwindigkeitszügen ein flächendeckendes Netz aufbauen.
Mehrwert für den Geschäftsreisemarkt
Ein offener, fairer Marktzugang kann Preise in Bewegung bringen, neue Produkte ermöglichen und die Attraktivität der Bahn insgesamt erhöhen. Für den Geschäftsreisemarkt eröffnet dies Chancen auf mehr Auswahl, neue Verbindungen und attraktive Angebote. Die Schiene hat bei Inlandsreisen laut VDR-Geschäftsreiseanalyse 2026 bereits einen Nutzungsanteil von 52 Prozent erreicht, der Inlandsflug liegt bei 13 Prozent. Neue Anbieter können dazu beitragen, dass die Schiene weiter an Bedeutung gewinnt.
Entscheidend: Praxistauglichkeit für Unternehmen
Doch Wettbewerb muss in der Praxis für Unternehmen nutzbar werden. Für Travel Manager zählen nicht allein zusätzliche Verbindungen oder günstigere Preise. Relevant sind vor allem Verlässlichkeit, Transparenz, einfache Buchbarkeit, klare Stornierungs- und Umbuchungsregeln, integrierte Abrechnungsprozesse sowie verlässliche Informationen bei Störungen. Bahnreisen müssen im Geschäftskontext steuerbar, vergleichbar und prozessfähig sein.
Dazu müssen Buchungssysteme und Plattformen neue Logiken entwickeln. Unternehmen und Reisende benötigen eine transparente Übersicht über Preis, Strecke, Reisezeit, Umstiege, Tarifbedingungen, Verfügbarkeit und Nachhaltigkeitsaspekte – unabhängig vom Anbieter. Ebenso wichtig ist die Integration in Online-Buchungssysteme und Travel-Management-Systeme, sodass neue Angebote sich in Reiserichtlinien, Genehmigungsprozesse, Abrechnung und Störungsmanagement einbinden lassen.
Europäische Initiativen und Multimodalität
Die Europäische Kommission hat im Mai 2026 mit ihrem Maßnahmenpaket „One journey, one ticket, full rights“ einen wichtigen Ansatz vorgelegt. Ziel ist es, Bahnreisen über Anbieter- und Ländergrenzen hinweg einfacher buchbar zu machen – mit durchgängigen Fahrgastrechten bei Verspätungen oder verpassten Anschlüssen. Diese Zielrichtung entspricht den Forderungen von BT4Europe, dem europäischen Netzwerk nationaler Geschäftsreiseverbände.
Zugleich darf Wettbewerb nicht auf Metropolenverbindungen beschränkt bleiben. Auch regionale Wirtschaftsstandorte und verlässliche Anschlussverbindungen müssen Teil eines leistungsfähigen Gesamtsystems sein. Eine funktionierende Multimodalität ist entscheidend: Drehkreuzflughäfen und zentrale Verkehrsknoten müssen zuverlässig an Fern- und Regionalverkehr angebunden sein, um durchgängige Reiseketten zu ermöglichen.
Infrastruktur als Engpass
Der entscheidende Engpass bleibt die Infrastruktur. Mehr Anbieter bedeuten nicht automatisch mehr Qualität, wenn Trassen knapp, Baustellen zahlreich und Pünktlichkeitsprobleme ungelöst bleiben. Die Politik ist gefordert, Wettbewerb, Infrastruktur und Kundenorientierung zusammenzudenken.
Aus VDR-Sicht ist mehr Wettbewerb auf der Schiene eine Chance für den Geschäftsreisemarkt – vorausgesetzt, neue Angebote werden in ein funktionierendes Gesamtsystem eingebettet: mit fairen Zugangsbedingungen, belastbarer Infrastruktur, modernen Buchungslogiken und transparenter Vergleichbarkeit. Dann kann mehr Wettbewerb die Bahn als tragende Säule nachhaltiger geschäftlicher Mobilität weiter stärken.
Quelle: Verband Deutsches Reisemanagement e.V. / Bild: Pixabay
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