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Chancen und Risiken einer wirtschaftlichen Öffnung des Iran

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Ein Regimewechsel im Iran könnte weitreichende wirtschaftliche Folgen für Europa haben – und vor allem für Österreich. Das zeigt eine aktuelle Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO im Auftrag der deutschen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die kurz vor der Eskalation im Nahen Osten verfasst wurde.

Enormes Potenzial hinter hohen Mauern
Seit der Islamischen Revolution 1979 steht der Iran unter einem der härtesten Sanktionssysteme der Welt. Der Westen hat das Land politisch wie wirtschaftlich isoliert. Rund 93 Millionen Menschen leben heute in einer Volkswirtschaft, die stagniert – und genau darin sieht der Iran-Experte Mahdi Ghodsi vom wiiw enormes Potenzial:
„Ein wirtschaftlich offener Iran würde Europas Wohlstand messbar erhöhen“, betont Ghodsi. „Mehr Handel, niedrigere Energiepreise, effizientere Arbeitsteilung – all das sind handfeste Vorteile.“

Allein die Aufhebung der EU-Sanktionen könnte das reale BIP des Iran langfristig um mehr als 80 Prozent steigen lassen. Die Wirtschaftsleistung Österreichs würde um 0,5 Prozent, jene der EU um 0,3 Prozent zulegen – das entspricht einem zusätzlichen Jahreseinkommen von rund 2,5 Milliarden Euro für Österreich.

Warum Österreich besonders profitieren würde
In den Modellrechnungen sticht Österreich als Gewinner hervor. Der Grund liegt in der Struktur seiner Wirtschaft. „Österreich ist stark in Branchen, die der Iran dringend braucht“, erklärt Ghodsi – etwa im Anlagen- und Maschinenbau, im Bauwesen oder in der Umwelttechnik. Auch bei Pharmazeutika und Medizintechnik zählt Österreich zu den größten europäischen Lieferanten.

Aufstiegspotenzial für den Iran
Sollte eine neue, reformorientierte Regierung im Iran grundlegende wirtschaftliche und institutionelle Veränderungen umsetzen, könnten sich die Effekte vervielfachen. Wenn das Land seine Produktivität an Staaten wie die Türkei oder Südkorea angleicht, könnte das iranische BIP laut Studie sogar um 240 bis 390 Prozent wachsen. Damit wäre der Iran auf dem Weg zu einem Wohlstandsniveau, das mit diesen Ländern vergleichbar ist – ein enormer Sprung.

Entspannung an den Energiemärkten
Auch Europa hätte mehr als nur ökonomische Vorteile. Eine Rückkehr des Iran auf die globalen Energiemärkte würde die Öl- und Gaspreise senken, Preisschwankungen dämpfen und damit den Inflationsdruck verringern. Gleichzeitig könnten stabilere politische Verhältnisse in der Region die Seehandelsrouten sichern und den Migrationsdruck auf Europa mindern.

Zwischen Hoffnung und Realität
Doch die Forscher bremsen allzu große Euphorie. Die positiven Szenarien gelten nur bei einem echten politischen Umbruch. Eine bloße Lockerung der Sanktionen unter dem derzeitigen Regime schließen die Autoren aus.
WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr formuliert es so: „Moralische Klarheit und wirtschaftliche Vorsorge schließen sich nicht aus. Gerade deshalb müssen wir mögliche Szenarien nüchtern analysieren – und vorbereitet sein.“

Krieg als unkalkulierbarer Faktor
Die Hoffnung auf Stabilität hat jedoch einen Dämpfer erhalten. Die Studie entstand noch vor den jüngsten Angriffen Israels und der USA auf iranische Ziele. Inzwischen hat Teheran US-Stützpunkte in arabischen Golfstaaten attackiert – die Gefahr einer regionalen Eskalation wächst.
Während die großen arabischen Ölproduzenten versuchen, den Markt zu stabilisieren, bleibt die Straße von Hormus, über die ein erheblicher Teil des weltweiten Erdöls verschifft wird, hochriskant.

„Die wirtschaftlichen und geopolitischen Kosten könnten schnell steigen“, warnt Ghodsi. Eine Ausweitung des Konflikts hätte massive Folgen für die Weltwirtschaft – und würde das Szenario einer offenen, prosperierenden iranischen Wirtschaft in weite Ferne rücken.
Mehr über die Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche.
Quelle: Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche / Bild: Pixabay

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