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Neue Chancen und Risiken für Mittelständler

Mittelständische Unternehmen sind zunehmend in globale Wertschöpfungsketten eingebunden. Was das für sie bedeutet, haben WissenschaftlerInnen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn und der Universität Siegen untersucht.

Große Bekleidungsunternehmen lassen ihre Stoffe, Knöpfe und Designs von Zuliefer-Unternehmen herstellen, die über den ganzen Erdball verteilt sind. Auch in der Automobilindustrie gibt es immer komplexere, globale Wertschöpfungsketten. An ihrem Ende stehen börsennotierte Endhersteller, als Zulieferer fungieren häufig mittelständische Unternehmen. Auch deutsche Mittelständler sind immer öfter in solche Produktionsketten eingebunden. Welche Chancen und Risiken damit für sie verbunden sind, haben WissenschaftlerInnen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn und der Universität Siegen jetzt im Rahmen einer Studie untersucht.

„Mittelständische Unternehmen empfinden die Zusammenarbeit mit den großen Endherstellern mitunter als belastend“, sagt der Leiter der Studie, Hans-Jürgen Wolter vom IfM. Die Unternehmenskultur von Mittelständlern basiere in der Regel auf Vertrauen, Partnerschaft und Langfristigkeit – und stehe damit im Gegensatz zur finanzmarktgetriebenen, kurzfristigen Perspektive der Endhersteller. Insbesondere kleinere und stark spezialisierte Familienunternehmen fühlten sich oft von Endherstellern unter Druck gesetzt, beispielsweise, weil sie von ihnen zu Kostensenkungen und Innovationen gedrängt werden.

„Für Mittelständler ergeben sich durch die Mitwirkung in globalen Wertschöpfungsketten aber auch Chancen“, betont Max Paschke, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für „BWL: Management kleiner und mittlerer Unternehmen und Entrepreneurship“ der Universität Siegen. So sind die Unternehmen an den Absatz- und Wachstumschancen des jeweiligen Endproduktes beteiligt. Gleichzeitig können sich alle beteiligten Unternehmen auf ihre jeweilige Kernkompetenz konzentrieren, was die Produktivität erhöht. Und: Der Zugang zu Ressourcen wird erleichtert, weil Unternehmen sie gemeinsam nutzen können.

In mehreren zulieferrelevanten Wirtschaftssektoren beobachten die Wirtschaftsexperten derzeit Konzentrationstendenzen. Um Koordinationskosten zu senken, wollen Endhersteller demnach eher mit weniger und größeren Zulieferern zusammenarbeiten. Verstärkt werde dies durch den Internationalisierungsdruck, heißt es in der Studie: Wichtige Zulieferer werden von den so genannten „Lead-Unternehmen“ dazu gedrängt, im Ausland zu produzieren, um Logistikkosten zu senken oder Handelshemmnisse zu umgehen. Auch die zunehmende Digitalisierung erhöhe den Druck auf die Unternehmen. Sie müssten ihre Produkte und Arbeitsweise an die Vorgaben der Wertschöpfungskette anpassen und seien deshalb gezwungen, in neue (digitale) Technik zu investieren. „Kleinere Unternehmen, die das nicht leisten können, werden immer öfter von größeren Zulieferern übernommen oder treten aus dem Markt aus“, berichtet Hans-Jürgen Wolter.

Trotzdem sehen die WissenschaftlerInnen die Zulieferer diesen Entwicklungen nicht schutzlos ausgeliefert. „Es kommt immer auf die jeweilige Konstellation an“, sagt Paschke. „Zulieferer müssen darauf achten, dass die Abhängigkeit von den Abnehmern nicht zu groß wird – zum Beispiel, indem sie in ihrer Produktion variabel bleiben und so auch für andere Abnehmer einen attraktiven Zulieferer darstellen.“ Die Experten empfehlen den Unternehmen außerdem, möglichst innovative und hochwertige Produkte zu entwickeln und damit in mehreren Wertschöpfungsketten unterschiedlicher Branchen mitzuwirken. Das Ziel müsse dabei sein, die spezifischen Vorteile mittelständischer Unternehmen wie Flexibilität, Zuverlässigkeit und besondere Kundennähe auch unter den neuen Bedingungen zur Geltung zu bringen.

Hintergrund:
Für die Studie haben die WissenschaftlerInnen Interviews mit Unternehmen und Wirtschaftsverbänden geführt, unter anderem aus den Bereichen Textil-, Automobil- und Flugzeugindustrie. Befragt wurden sowohl Zulieferer, als auch Endhersteller. Die Studie wurde beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie vorgestellt und ist unter dem Titel „Globale Vernetzung, Kooperation und Wertschöpfung im Mittelstand“ auf der Homepage des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (www.ifm-bonn.org) abrufbar.
Quelle: Universität Siegen





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